Zeit-Fragen
Dr. Martin Bröckelmann-Simon
Geschäftsführer Internationale Zusammenarbeit,
Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR
Veränderungsprozesse brauchen viel Zeit und einen
langen Atem. In unserer Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ (1996,
gemeinsam mit dem BUND) haben wir dem Thema Zeit ein eigenes Kapitel
gewidmet, unter der Überschrift: „Das rechte Maß für Raum und Zeit“. Unser
Botschaft war bereits damals ein Plädoyer für „Zeitwohlstand“ statt
Güterreichtum. Schneller, höher, weiter – das allein kann es nicht
sein.
Für Misereor spielt Zeit aus drei Gründen eine wichtige
Rolle:
- Erstens, weil Vertrauen Zeit braucht: Das gilt besonders
für die Verläßlichkeit von Partnerbeziehungen. Mit 60-70 Prozent unserer
Partner arbeiten wir schon seit vielen Jahren und Jahrzehnten
zusammen.
- Zweitens sind wir gerade dabei, unseren Umgang mit Zeit
ganz konkret bei der Gestaltung unserer Verträgen zu verändern, z.B. durch
längerfristige Zielvereinbarungen, um der Langfristigkeit von Prozessen
besser gerecht zu werden.
- Drittens vor dem Hintergrund der Vielfalt von Zeitkonzepten
weltweit: Dabei verlaufen die Trennungslinien ja auch innerhalb von
Gesellschaften, schon in unserem eigenen Lande – und erst recht in unseren
Partnerländern. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt im ländlichem Raum, wo
in der Regel ein naturbestimmter Umgang mit Zeit vorherrscht. In Städten
haben die Menschen – auch in Entwicklungsländern – ein anderes Zeitgefühl.
Deshalb wissen wir: Wir müssen den Zeitblick pflegen, um die oben
angesprochene Langfristigkeit und Verläßlichkeit zu erreichen.
Wir bemühen uns, unsere Mitarbeiter schon in der
Vorbereitung auf ihre Einsätze für die kulturell unterschiedlichen
Wahrnehmungen beim Thema Zeit zu sensibilisieren. Zum anderen müsse wir
natürlich in der Öffentlichkeit um Verständnis dafür werben, dass
Veränderung Zeit braucht. Die Spender wollen Ergebnisse sofort sehen. Hier
müssen wir um Verständnis werben, übrigens auch in unserer eigenen
Gesellschaft: auch da geschieht Veränderung ja nicht von einem Tag auf den
anderen!
Ein wichtiger Aspekt dieses Themas ist übrigens das immer
häufigere Setzen auf die militärische Karte, wenn gesellschaftliche
Veränderungen beschleunigt werden sollen – nicht nur im Irak. Militärische
Einsätze sind von Natur aus immer kurzfristig, es wird schneller Erfolg
erwartet. Die Langfristigkeit, die Veränderung braucht, gerät dabei aus
dem Blick – eine Entwicklung, die wir mit Sorge beobachten.
Wieviel Zeit braucht Veränderung? Das hängt davon ab, was
verändert werden soll und wie die Ausgangsbedingungen sind. Veränderung
geschieht ja ständig, auch ohne unser Zutun. Bei der Anfangsanalyse geht
es deshalb darum, zu schauen: an welchem Punkt befinden wir uns gerade?
Erst dann lässt sich abschätzen, wie lange ein Prozess vermutlich dauern
wird.
"...die Zeit heilt alle Wunden": stimmt das wirklich ? Hier
muss man langfristiger denken, als gemeinhin angenommen wird. Die Heilung
tritt in der Regel nicht automatisch ein. Wie tief sitzen die Gräueltaten,
Bürgerkriege, Erfahrungen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit auch
Generationen später noch im individuellen und kollektiven Gedächtnis und
führen zu Verhaltensweisen, die wir uns nicht unmittelbar erklären können,
weil wir die persönlichen und kollektiven Geschichten nicht kennen und/oder
nicht ernst genug genommen haben. Wie oft brechen Konflikte wieder auf, die
ihre Wurzeln viele Jahre vorher hatten und nicht aufgearbeitet wurden.
Helfen Deadlines? Um Ergebnisse zu produzieren schon, aber
nicht, wenn es um nachhaltige Veränderung in den Köpfen gehen soll. Nehmen
wir zum Beispiel ein Stichdatum für die Abgabe von Wünschen eines
Nachbarschaftskommitees: Da ist Zeitdruck kontraproduktiv, wenn in letzter
Sekunde etwas aufgeschrieben wird, ohne dass alle Betroffenen einbezogen
wurden. In Lateinamerika gibt es ein schönes Sprichwort: „Wenn du es eilig
hast, gehe langsam!“
Langsamkeit ist immer Ausdruck von etwas. Wenn Leute nicht
mitmachen, hat das einen Grund, der oft nicht unbedingt mit dem jeweiligen
Zeitempfinden zu tun hat. Das zeigt ein Blick in die Geschichte der EZ.
Umgekehrt ist Geschiwndigkeit nicht immer der Weg zum
Erfolg. Im Wettlauf zwischen dem Hasen und Igel hetzt sich der eilige Hase
letztendlich vergeblich ab, während die sozial vernetzten Igel trotz der
Langsamkeit gewinnen. D.h. Schnelligkeit ist nicht unbedingt und sicher
nicht immer von Vorteil. Dies gilt vor allem dann, wenn schnelles Agieren
bedeutet, unüberlegt, unabgestimmt, einzelkämpferisch und ohne adäquate
Wahrnehmung der Geschehnisse im Umfeld zu agieren.
Der richtige Augenblick: Ja, den gibt’s. Um ihn zu treffen,
kommt es auf Wahrnehmung, Intuition, Einfühlung an. Entwicklung braucht
Kairos und Chronos. Natürlich müssen Etappenziele sein, auch jährliche
Buchhaltung und so weiter. Es gibt die Notwendigkeit der Stückelung von
Zeit. Aber es ist klar: Die Zeithorizonte für Zusammenarbeit sollten
länger sein, in Jahrzehnten bemessen, nicht in Jahren. Langfristige
Orientierung und Kurzfristigkeit müssen zusammengebracht werden.
Mein Wunsch an die Konferenz ist es, dass die
Langfristigkeit gerade von Partnerbeziehungen als Wert stärker anerkannt
wird. Und dass es uns gelingt, auch über den Kreis der EZ hinaus ein
stärkeres Bewusstein dafür zu schaffen, dass langer Atem notwendig ist,
und Veränderung nicht auf die Schnelle zu haben sind.
Letztlich kommen wir deshalb nicht umhin, über den Umgang
mit Zeit in unserer eigenen Gesellschaft nachzudenken.
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